Home
Ziele
10 Years Anniversary
Veranstaltungen 2015
großE kunsT 1.GiG
1.GiG Fotos
GiGAusstellungen2016
Archiv
Umfrage
Mitgliedschaft
Wir über uns
Impressum
Sitemap
e-Journal
Schulsystem
Psychische Krisen
Gr.Kunstausstellung1
Gr.Kunstausstellung2
(Auto)biographie
WhoIsWhom BII-Alumni
BII Chapters
Gr.Kunst2011
Gr.Kunst2011-12
K.I.C.E.
DeineSeite/YourPage

 

Schul- und Sozialstrukturen in der BRD

Warum an der Schule so viel “herumgemacht“

wird und sich doch nichts ändert

Vortrag von Dr. Ulrich Hain (Gießen) im Rahmen des ISPI e. V.

Radierung von Dr. Una Chen

 

Programm 2009 am 2. 12. 2009 im Weincontor Pfeffermann (Gießen)

 

 

Zusammenfassung: Dr. Ulrich Hain, 30. 1. 2010, uhain@t-online.de

                          

 

 

(Radierung von Dr. Una Chen)

 

64 Jahre Schulkritik – Einheizschule statt Einheitsschule? Die einzige durchgreifende demokratische Schulreform, die eine gemeinsame Grundschulzeit von vier Jahren ohne Rücksicht auf die Schichtzugehörigkeit herbeiführte, fand 1920/21 statt. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur befand sich die (West- und dann Gesamt-) deutsche Schule ständig in der Kritik. Sie sei hierarchisch strukturiert und damit undemokratisch (1945; Alliierter Kontrollrat, UMGUS), sei autoritär (1960; Tausch/Tausch), sei undemokratisch und ineffektiv (1964/65; Dahrendorf, Picht), sei autoritär und un-emanzipatorisch (1968ff), sei sozial-selektiv und ineffektiv (TIMSS, PISA in den 90er Jahren ff). Man könnte die Frage stellen, ob wir statt der seit dem 19. Jahrhundert von Reformkräften erstrebten demokratischen Einheitsschule eher eine Einheizschule bekommen haben, insofern, als das System tendenziell Kindern aus bildungsfernem Milieu so “einheizt“, dass ihnen der Schulerfolg erschwert wird. Laufend werden zwar Schwachstellen durch Einzelmaßnahmen abgemildert, aber durchgreifende Reformen gab es nur in Schulversuchen und Versuchsschulen, nicht in der Regelschule, s. auch die Hamburger BI gegen eine verlängerte Grundschulzeit (2009-2010). Die prozentual wenigen Gesamtschulen leiden am Angleichungsdruck an das traditionelle System. - Dieser Befund könnte mit vorhandenen unterschiedlichen Bildungszielen und – motiven erklärt werden.

 

Bildungsziele und Milieus. “Jugend“ zerfällt heute in eine Vielzahl von Subkulturen. Als Gemeinsamkeit erscheint lediglich die relative Unselbständigkeit in ökonomischer Hinsicht und das Durchlaufen unterschiedlichster Formen von “Schule“, Nachschulungsmaßnahmen, Ausbildungsverhältnissen, Auffangeinrichtungen usw. In welchem Sinn nehmen Kinder und Jugendliche an Bildungsprozessen teil? - Nach Bremer 2004 strebt das “obere Milieu“ für seinen Nachwuchs Selbstverwirklichung, Identitätsbildung, kulturelle und ökonomische Hegemonie an. Das “respektable Milieu“ fokussiert das Streben nach Nützlichkeit, Anerkennung, relativer Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Das “unterprivilegierte Milieu“ sieht in Bildungsanstrengungen eine Notwendigkeit, um sozial mithalten zu können, um Ausgrenzung zu vermeiden. - In dieser Aufstellung fehlt das “Milieu“, das aufgrund von Segregation im Schulbesuch keine Perspektiven für subjektive Anstrengungen sieht; ich gebe der fehlenden strukturellen Familienförderung eine Mitschuld an der anwachsenden Zahl schwer beschulbarer Kinder und Jugendlichen.

 

Problem IT. Die sich beschleunigende ökonomische Entwicklung auf Basis der IT trägt zur existenziellen Unsicherheit auf allen Ebenen bei. Kinder und Jugendliche erfahren über die Familiensituation, dass Verlässlichkeit, Fleiß, gute Ausbildung, Betriebstreue usw. entwertet sind – mit Folgen vor allem für das so genannte “Prekariat“. (W. Bergmann 2007) Ich meine, dass für das mittlere und obere “Milieu“ immer noch die Hoffnung gilt, dass individuelle Ausnahmen möglich bleiben über Bildungsanstrengungen und Ausgrenzung der Konkurrenz von unten. IT stellt in diesem Rahmen für die Jugend in unterschiedlicher Form ein erstrebenswertes Angebot dar. Es besteht aber ein Zusammenhang zwischen der Art der PC- /Mediennutzung und dem Bildungserfolg: Sozial isolierter und zeitlich übermäßiger Gebrauch hat negative Konsequenzen für notwendige soziale und inhaltliche Lernprozesse (Pfeiffer 2005, Veiel 2007), steht auch im Zusammenhang etwa mit ADHS (W. Bergmann): Das Reale ist in der Psyche vieler Kinder und Jugendlichen schwach repräsentiert, die widerständige Mitwelt kann jederzeit zugunsten wahnhafter Omnipotenzgefühle verlassen werden (Veiel 2007) u. a. m. Es ist fraglich, ob die öffentliche Schule die Beeinträchtigung durch ungünstiges Milieu und ungünstigen IT-Gebrauch auffangen kann – in den gegenwärtigen Strukturen oder unter verbesserten Voraussetzungen.

 

Faktoren und Strukturen effektiver und humaner Schularbeit. Sei Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts sind sie praktisch erprobt worden und haben sich vielfach bewährt; durch neuere Ergebnisse der Gehirnforschung können diese Faktoren wissenschaftlich begründet werden, sie erweisen sich auch in der praktischen Konkurrenz aufs Neue als effektiv. Schulen mit besonderer pädagogischer Prägung sowie die Sieger des jährlich vergebenen “Deutschen Schulpreises“ (der Bundesregierung) deuten alle in dieselbe Richtung, die von der pädagogischen Reformbewegung her seit über 100 Jahren begangen wird:

Soziale Mischung an den Schulen, pädagogische Gestaltung der Schulgebäude, Teamstrukturen satt Gesamtkollegien, Öffnung der Schulen nach außen, flexibler Lehrplan, Differenzierung und Individualisierung der Lernvereinbarungen, mehr Lernen statt Lehren, Alltags- und Erfahrungsbezug der Inhalte, kreative Angebote nicht nur in den „kreativen“ Fächern, Praktika, Fortschrittsberichte statt Noten usw.

Lesetipp - Enja Riegel: Schule kann gelingen. Frankfurt a. M.: Fischer, 2004 u. ö.

 

Was tun? Eine solide Reform halte ich nur im Rahmen einer offensiven Sozial- Familienpolitik für erreichbar. Ohne strukturelle Familienhilfe wie etwa in Finnland bleibt unter den gegebenen ökonomischen Bedingungen ein immer größerer Anteil der nächsten Generation – mit und ohne den berühmten Migrationshintergrund – “außen vor“. Das von Schulbildung erreichbare “Milieu kann teilweise auf Alternativen ausweichen,

  • entweder auf selektive Privatschulen, wenn die finanziellen Mittel dies erlauben
  • oder auf integrative Reformschulen bei der pädagogisch aufgeschlossenen Elternschaft,

um das Mithaltenkönnen abzusichern. Dadurch wird Regelschule tendenziell abgewertet und der Druck auf die Bildungspolitik gemindert wird. - Was sich in Zeiten härtester ökonomischer Verteilungskämpfe als gemeinsamer Weg oder als selektives Wegenetz herausschälen wird, lässt sich noch nicht abschätzen.

ispiev@gmx.de